Der Folge-Roman
Der leise Schrei nach Liebe
Wie alles begann
Nicht weit von uns fließt der Río Indio, der den Sonnenuntergang glitzernd wiederspiegelt. Er lässt die Urwaldlandschaft wie ein wunderschönes Kunstwerk erscheinen und gibt mir das Gefühl, Teil eines Gemäldes zu sein.
Es ist eine atemberaubend melancholische Schönheit, die den Dschungel rund um den Rio Indio umgibt. Selbst mir, der hier geboren und aufgewachsen ist, fällt diese Schönheit immer wieder auf.
Schnell wird meiner Träumerei ein Ende bereitet, denn der Urwald Nicaraguas lässt sehr schnell die Realität zurückkehren.
„Pass auf Santi“, sagt Pepe, der Fahrer unseres ausgedienten Land Rover und schmunzelt dabei, „sonst geht es dir so wie Christin, der Deutschen, die von einem Ast ziemlich unsanft aus dem Wagen gehoben wurde. Erinnerst du dich an sie?“ fragt er mich mit einem Schmunzeln auf den Lippen.
Ja, so fing alles an, denke ich bei mir und versinke wieder in Gedanken. Es sind jetzt fast vier Jahre her, dass ich Christin das erste Mal sah. Es war ein ungewöhnliches Kennenlernen, denn sie lag flach auf dem Rücken, mitten im Urwald in einer großen Pfütze und rieb sich den schmerzenden Arm.
Jetzt muss auch ich schmunzeln.
Seit diesem Tag ist so vieles geschehen.
Seit diesem Tag stolpere ich zum Beispiel wie benommen durchs Leben.
Wie konnte ICH, Santiago Salazar, ein 35jähriger, muskulös gebauter Mann von 1, 87m Größe, wie ein kleiner Junge aus der Bahn geworfen werden? Wie war das nur möglich, frage ich mich fast schon ärgerlich. Ich hätte nie gedacht, dass mich eine Senorina dermaßen verunsichern könnte.
„Hey, Santi, wach auf“ krächzt Pepe und stößt mir unsanft in die Seite.
Fast dankbar, dass er mich aus meinen Gedanken reißt, erwidere ich milder, als er es gewohnt sein dürfte: „Was ist denn los, Pepe?“
„Es sind noch 150 km bis San Carlos, ich brauche Unterhaltung. Wach endlich auf, Santiago Salazar, dass ist dein Tag, verschlaf ihn nicht. Carpe diem!
Bis wir ankommen, ist noch genug Zeit, um mir zu erzählen, wie das zwischen dir und der Deutschen Segniorina Christin weitergelaufen ist, nachdem wir sie hier 1. auf dem Rücken und 2. In der Pfütze liegend, getroffen hatten. “ sagt Pepe zunächst mit einem unterdrückten Lachen und prustet dann doch lauthals los.
„Terminar Pepe, mach dich nicht lustig über sie! Und seit wann tratschen MÄNNER über Weibergeschichten?“ sage ich aufbrausend.
„Keep cool chico und erzähl schon!“ antwortet Pepe unbeeindruckt. Ich kenn dich, seit du in die Windel gemacht hast, also zier dich nicht so.“
„Diese Nervensäge raubt mir den Verstand“ murmel ich vor mich hin und blicke in den Dschungel, der seine grüne Farbe immer weiter verliert und mehr und mehr ins Dunkel der anbrechenden Nacht eintaucht. Die Scheinwerferkegel kämpfen sich mühsam durch das unergründliche Schwarz des Waldes und die Tierlaute scheinen aus dem Nichts zu schallen. Vielleicht sollten wir doch besser unser Lager aufschlagen, bevor wir in irgendein Schlagloch, einen umgestürzten Baum oder sogar noch in ein Tier reinfahren, denke ich so bei mir.
„Hey Pepe, lass gut sein. Es reicht, wenn wir morgen ankommen.“ „Gute Idee Santi, wird mir auch zu dunkel hier; wir haben ja alles dabei, um uns einen gemütlichen Abend zu machen.“
„Das stimmt, denn der Land Rover 130 bietet genug Platz zum Schlafen, und am Lagerfeuer können wir uns eine Kanne Kaffe und was Leckeres zu Essen machen.“
Abrupt lenkt Pepe den Landy nach rechts und bleibt auf einer kleinen Lichtung stehen, die der Urwald wie eine dunkle Wand umrahmt.
Nach einigen Minuten sitzen wir beide am Lagerfeuer, dass in der mittlerweile recht kühlen Nacht eine angenehme Wärme spendet, halten eine heiße Tasse Kaffe in der Hand und warten darauf, dass die Bohnen in der Pfanne endlich fertig werden.
Das prasselnde und lodernde Lagerfeuer stellt einen bizarren Kontrast zur schwarzen Umgebung dar und wirkt, wenn es auf und ab tanzt, fast schon gespenstisch.
Es ist herrlich hier draußen. Das Gefühl von Freiheit beruhigt die rastlosen Männerherzen und schenkt ihnen ein wohliges, angenehm prickelndes Gefühl von Unabhängigkeit. „So lässt es sich leben“ fühlen beide Männer.
„Okay Pepe, du alte Nervensäge, damit du endlich Ruhe gibst, erzähl ich dir, was Christin und mir seit unserem Kennenlernen alles passiert ist.“
„Du weißt, es begann vor rund vier Jahren, als wir Christin, nicht weit von hier, zufällig getroffen hatten.
Alonzo, ihr Fahrer, der Typ aus Matagalpa, blieb einfach im Wagen sitzen und lachte nur dämlich, als Christin auf dem Boden lag.
Als wir uns der Unglückstelle näherten und genauer erkennen konnten, was vorgefallen war, bremsten wir sofort ab, und ich sprang aus dem Wagen, um ihr zu helfen.
Während ich zu ihr lief, blieb ich rund zwei Meter vor ihr stehen und blickte in ihr Gesicht. Es strahlte eine Wärme und Milde aus, die mich gefangen hielt. Tief in mir spürte ich, dass dieser Moment mein Leben verändern würde.
Franko Fabiani
Ende Teil 1
